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Cartoon zur chinesischen Heizungsgrenze: Das südchinesische Haus (links) friert, während das nordchinesische (rechts) von den staatlichen Versorgungsbetrieben mit Wärme versorgt wird und sich daher trotz Schnee pudelwohl fühlt (Xu Jun für Xinhua)

Die chinesische Heizungsgrenze

Oder: Warum der nordchinesische Winter eigentlich ganz erträglich ist

Liebe Leserschaft,

ist es dieser Tage kalt bei euch? Hier in Göttingen ist es etwas verschneit, aber allzu kalt eigentlich auch nicht. Und ohnehin profitieren wir von einer meiner Lieblingsinstallationen Deutschlands: der Zentralheizung. Draußen Schneegestöber? Eiseskälte? Sibirische Winde? Theoretisch könnten wir trotzdem einfach die Heizung auf Fünf drehen und uns im T-Shirt ins Wohnzimmer setzen. Der Umwelt und den Finanzen zuliebe gibt man sich meist mit einer Drei und Strickjäckchen zufrieden, aber immerhin: Es ist warm.

China wäre nicht China, wenn es dort nicht ähnlich wie hier, aber irgendwie doch anders wäre. Und es wäre auch nicht China, wenn es eine einheitliche Regelung gäbe. Meine Damen und Herren, darf ich vorstellen: die chinesische Heizungsgrenze (nuanqi xian 暖气线).

Was ist die Heizungsgrenze?

Das Prinzip der Heizungsgrenze ist eigentlich ganz einfach: Sie durchtrennt China grob in zwei Hälften, im Norden gibt es Heizungen und im Süden eben nicht. Das hängt mit den staatlichen Energieversorgern zusammen, die nordchinesische Häuser mit Wärme versorgen und südchinesische eben nicht. Stellt euch also vor, eure Stadtwerke versorgen euch mit Strom, Wasser und Gas, aber eben nicht mit Wärme – dann seid ihr in Südchina. Stellt euch nun vor, dass euer Haus schlecht isoliert ist, doppelt verglaste Fenster in eurer Umgebung gänzlich unbekannt sind und überall der Wind reinpfeift, und ihr linst schon bald über den Kragen eurer auch drinnen zu tragenden Daunenjacke neidisch nach Nordchina, das ihr euch als zentralbeheiztes, wohlig-warmes Paradies ausmalt. Innerhalb der eigenen vier Wände zumindest.

Ganz so himmlisch ist es dort natürlich auch nicht. Denn auch in Nordchina gibt es keine Doppelverglasung in den Fenstern und herzlich wenig Isolierung. Außerdem sind nicht alle Häuser an die staatliche Wärmeversorgung angeschlossen, und man sieht im Norden (wie auch im Süden) Menschen im Winter mit Kohlebriketts hantieren. Nichtsdestotrotz ist es in nordchinesischen Häusern im Schnitt wärmer.

Wo genau verläuft nun diese berühmte Grenze? So Pi mal Daumen orientiert sie sich an dem Qinling-Gebirgszug sowie dem Huaihe/Yangtze um den 33. Breitengrad herum, wobei es durchaus Ausnahmen gibt. Hier mal eine Karte aus dem Internet:

orange: beheizt, blau: unbeheizt (http://tianqi.eastday.com/news/17088.html)

Natürlich ist es möglich, sich eine eigene Heizung in das südchinesische Heim zu installieren. Einerseits gibt es da die Möglichkeit, in eine Klimaanlage mit Heizfunktion zu investieren. Lebt man in einer Gegend mit erträglichem oder gar angenehmen Sommer, tut es für den Winter vielleicht auch ein einfacher Heizlüfter. Beide Modelle haben den Vorteil, für ein wenig Wärme zu sorgen, und den Nachteil, dass es wirklich nur ein wenig Wärme ist. Die Klimaanlage hat so eine schmale Bahn, in die sie ihr warme Luft schleust, der Heizlüfter hat einen recht kleinen Radius, in dem er die Luft erwärmt. Jenseits der Bahn bzw. des Radius‘ ist es immer noch kalt. Dass beide Geräte die Haut austrocknen, ist einem in diesem südchinesischen Frierzustand komplett egal. Dass sie Unmengen Energie schlucken und entsprechend die Nebenkosten hochtreiben, in aller Regel dann doch nicht so ganz. Eine Alternative kann die Installation einer elektrischen Fußbodenheizung sein – auch eher eine Option für die Wohlhabenderen, die auch ihre Fenster halbwegs brauchbar isolieren können. Wie man es also auch dreht und wendet: Man wird im südchinesischen Winter frieren. Muss man akzeptieren.

Wie entstand die Heizungsgrenze?

Die chinesische Heizungsgrenze gehört (wie das Erfordernis einer erfolgreich eingeholten staatlichen Genehmigung zum Kinderkriegen, das regelmäßige Aufstellen von Fünfjahresplänen oder die Unmöglichkeit für Ausländer, in bestimmten Hotels zu übernachten) zu den Relikten aus dem chinesischen Sozialismus. Mitte der 1950er wurde ein staatliches Heizsystem ersonnen, bei dem das Heizen nicht wie vorher dem Einzelhaushalt überlassen wurde, sondern von den staatlichen Energieversorgern übernommen wurde. Das war damals natürlich ein großer Schritt.

Leider stellte man bei den Planungen bald fest, dass es nicht realistisch war, das ganze Land mit Wärme zu versorgen. Also wurde eine Chinakarte ausgerollt und ein bisschen getüftelt, bis Zhou Enlai auf die Idee kam, den Huaihe-Fluss und das Qingling-Gebirge als ungefähre Grenze zu wählen. Das schien als zu beheizende Fläche machbar und fiel außerdem mit der „Null-Grad-Grenze“ zusammen – entlang dieser Linie beträgt die Durchschnittstemperatur im Januar ca. 0 Grad. Wer braucht da noch Heizungen? (Null Grad). Und weiter südlich wird es ja ohnehin wärmer. Problem gelöst.

Ebenfalls der zentralen staatlichen Planung entsprang die zeitliche Eingrenzung der Beheizung: Mitte November bis Mitte März. Natürlich gibt es da für einige Regionen oder gar Städte abweichende Zeiträume, aber ganz grundsätzlich gelten diese vier Monate als Heizzeit.

Die Zukunft der Heizungsgrenze?

Einerseits wird die Heizungsgrenze als irgendwie nicht so ganz logisch und irgendwie auch nicht gerecht wahrgenommen. Warum sollen Südchinesen bei „drinnen wie draußen“-Temperaturen frieren, während Nordchinesen es sich warm machen können? Es gibt immer wieder Ideen, das ganze System zu reformieren, indem man die Grenze neu zieht oder einfach abschafft. Allzu weit scheinen es derlei Vorstöße aber nie zu bringen.

Andererseits…nunja. Die nordchinesische Heizerei hat natürlich gewisse Folgen für die Umwelt. Winter in Peking sind grau und schwer und die Sonne sieht man eigentlich erst ab dem Frühjahr wieder. Im Kontext der chinesischen Beteuerungen, mehr für den Umweltschutz zu tun und die Luft in den Städten noch/wieder atem-bar zu machen, erscheint eine Ausdehnung der Heizungsgrenze als nicht allzu wahrscheinlich. Gleichzeitig fragt man sich aber auch, ob die südchinesische Lösung einer komplett dezentralen oder gar abwesenden Heizung vorzuziehen ist, denn so wird es entweder kalt oder sehr teuer. So ganz unkompliziert scheint diese doch eigentlich so simpel erscheinende Linie dann irgendwann doch nicht mehr.

zwei Throwback-Fotos zum Dezember 2012 in Kunming. Kalt war’s!

Was tun bis dahin?

Was tut man also in (Süd-)China, um den (heizungslosen) Winter zu überstehen? Warm wird einem natürlich erst im Frühling wieder. Aber das bedeutet nicht, dass man tatenlos zusehen muss, wie sich ein Eiszapfen an der Nase bildet.

  • Zuerst einmal kann man in dezentrale Heizungen investieren: Klimaanlage, Heizlüfter.
  • Tee! Der wärmt von innen. Wenn der Tee ausgeht, tut es auch heißes Wasser. Und Suppe!
  • Außerdem sollte man sich den deutschen Reflex abgewöhnen, nach dem Betreten der Wohnung die Jacke auszuziehen. Drinnen kann man sich genauso kleiden wie draußen, Handschuhe und Mütze inklusive. Das hilft schonmal enorm.
  • Manchmal muss man in den sauren Nebenkostenapfel beißen und in heizende Gegenstände investieren. In Nanjing hatte ich einen ganz fabelhaften Fußwärmer, so eine Art Kissen, in das man die Füße stecken konnte und das per Steckdose beheizt wurde. Das ist natürlich nur ein Beispiel von vielen. Es gibt Heizdecken, Heizhandschuhe, klassische Wärmflaschen, einfach alles. Das kann man ganz gut bei Taobao erkunden, und der Singles‘ Day im November, kurz vor dem großen Wintereinbruch also, stellt eine hervorragende Gelegenheit dar, entsprechende Käufe vorzunehmen. Es wird sich lohnen, glaubt mir.
  • Nur so halb empfehlenswert: Feuerschalen, oder einfach Feuerchen auf offener Straße, in Kunming zumindest hier und da zu sehen.

Liebe Leserschaft, was sind eure Tricks für chinesische Winter? Zieht es euch eher in den sehr kalten, aber beheizten Norden oder in den etwas kalten, aber unbeheizten Süden?

Eure trotz allem südchinesische Charlotte

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Julius Herr Nachbar

    Schöner Blog! Jetzt verstehe ich etwas mehr zu diesem Thema 🙂

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