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Wirkt chinesisch, ist es aber nicht (oder doch?)

Oder: Dinge, die nicht wirklich aus China stammen

Oder: Wie heißt eigentlich dieses eine Lied?

Liebe Leserschaft,

Viel Zeit ist vergangen, seitdem ein Artikel auf Unterwegszeilen erschien – das Life und so (ein Umzug, ein paar Reisen, the usual). Aber mir geht es wunderbar und ich freue mich auch irgendwie, hier mal wieder etwas zu schreiben.

Im letzten Eintrag ging es um Züge in China – zugegebenermaßen etwas nerdig, aber dafür ist dieser Blog auch irgendwie da. Heute verlassen wir den Bereich des Nerdigen und bewegen uns in den benachbarten Bereich des, nunja, Klugscheißens.

Denn stellt euch folgendes Szenario vor: Ihr lauft mit Freundinnen / Kollegen / Eltern / Geschwistern / eurer Katze in einen Supermarkt und da sind sie – Glückskekse, sogar noch mit chinesischer Schrift auf der Verpackung. Oder ihr schaut einen Film, in dem „irgendwas mit China“ passiert und da ist sie auf einmal – diese markante Tonfolge, dadadada DADA DADA DAAAAA, die wir irgendwie gelernt haben mit dem Reich der Mitte zu verknüpfen. Oder: Ihr sitzt im Chinabistro eures Vertrauens und aha – es gibt Chop Suey. Lecker (echt), aber leider nicht aus China. Ebenso wenig wie Glückskekse und, wie er mit ganzem Namen heißt, der Oriental Riff. Und darum soll es heute gehen: Dinge, die nicht wirklich aus China stammen, auch wenn man das im Westen irgendwie glaubt.

Essen: Glückskekse und Chop Suey

Ein Glückskeks. Hält, was er verspricht.
Foto von PabloJimeno über Pixabay.

Bleiben wir im Asiabistro: Glückskekse erfreuen sich bei Gelegenheiten aller Art großer Beliebtheit und machen auch einfach Spaß. Sie sind süß, sie sind multilingual, sie sind unterhaltsam – nur chinesisch sind sie nicht. Ihr genauer Ursprung ist nicht bekannt, aber wahrscheinlich stammen sie aus Japan. Heute werden die allermeisten Glückskekse in den USA hergestellt und eine Firma versuchte wohl mal tatsächlich, in Hongkong einen Glückskeks-Markt zu schaffen, scheiterte aber kläglich.

Etwas komplizierter sieht es bei einem alten Vertrauten aus diversen Asiarestaurants aus: Chop Suey, ein im Westen durchaus beliebtes Gericht mit verschiedenem Gemüse und manchmal auch Fleisch, ist in China echt nicht verbreitet. Natürlich gibt es gebratenes Gemüse und Fleisch, aber die Bezeichnungen variieren eben. (Ich musste selber erstmal den Namen nachschlagen: 杂碎, auf Mandarin zásuì, also „verschiedenes Zerkleinertes“, auf Kantonesisch wohl so etwas wie „Chop Suey“).

Chop Suey. Glaube ich…
Foto von Juno1412 über Pixabay.

Also: gar nicht chinesisch? Nun ja. Zum einen gibt es wohl in Südostchina eine Region, in der dieses Gericht als Chop Suey gekocht wird. (Könnte ich mangels Reiseerfahrung in dieser Ecke nicht bestätigen). Zum anderen ist dieses Gericht eng mit der Chinese American Community der USA verknüpft, auch wenn die genauen Ursprünge sich etwas im Nebel der Geschichte verlieren. So gesehen ließe sich vielleicht auch sagen: Nein, Chop Suey stammt nicht aus China. Aber ja, es ist irgendwie chinesisch.

„Dieses Lied“

Na, erkannt?

Kommen wir nun zu einem anderen Sinnesorgan, nämlich dem Gehör. Wie eingangs schon gesagt: DAS LIED heißt „Oriental Riff“ oder „Asian Riff“ – und stammt nicht aus China. Hier nochmal die Melodie:

Auch hier ist nicht ganz klar, wer wann genau diese Tonfolge komponierte, aber keine der Entstehungsstorys führen in irgendeiner Weise nach China oder überhaupt nach Asien.

Neun Noten, und doch nicht ganz unumstritten. Die einen sagen: Naja, es wirkt halt chinesisch, egal ob es das nun ist oder nicht. Und die anderen: Gewiss, aber was soll das sein – eine Melodie aus dem Westen, die nach „China“ klingen soll, die vielleicht sogar China exotisiert und (Hand aufs Herz) bei deren Ertönen in Filmen man irgendwie ahnt, dass die folgende Szene mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht so ganz politisch korrekt ist? Food for thought, auf jeden Fall.

Spiele: Chinese Finger Trap und Chinese Checkers

Chinesische Fingerfallen. Naja, „chinesische“.
Foto von „carol“ über Wikimedia Commons. Lizenz: CC-BY-2.5.

Zwei Beispiele aus dem Bereich des Spiels: die chinesische Fingerfalle und Chinese Checkers.

Die chinesische Fingerfalle / Chinese Finger Trap ist eine Röhre, in deren zwei Enden man je einen Finger steckt – ehe man merkt, dass sie so leicht nicht wieder rauskommen. Wenn man dann versucht zu ziehen, wird alles nur noch enger und mithin schlimmer. Der Trick ist daher, die Finger in der Röhre zusammenzuschieben, da dies das Gewebe lockert und dadurch Platz dafür schafft, dass die Finger wieder hinaus können.

Was hat das alles mit China zu tun? Eigentlich gar nichts. Das Spielzeug stammt sogar ganz ursprünglich aus Deutschland. Vermutlich verkaufte es sich einfach mit der Bezeichnung „Chinesisch“ irgendwie besser, weil nach Ferne und irgendwie mysteriös klingend. Nunja.

Ähnlich verhält es sich mit den Chinese Checkers, zu Deutsch: Stern-Halma. Auch dieses Spiel stammt aus Deutschland, auch dieses Spiel hat gar keinen Bezug zu China. Wahrscheinlich war der Name einfach nur Marketing.

Die Grauzone

Oftmals gibt es mehr als Schwarz noch Weiß. Manchmal auch beides, oder eben Grau.
Foto von Maminounou über Pixabay.

So weit, so klar. Aber wie so oft im Leben gibt es auch eine Grauzone – Dinge, die von China ausgehend Deutschland (oder allgemein: den Westen) erreichten, dann aber, naja, eine gewissen Eigendynamik annahmen, um es mal vorsichtig zu formulieren. Klingt verworren? Fear not: Hier kommen zwei Beispiele.

Chinesische Tierkreiszeichen

Die zwölf Tierkreiszeichen blicken auf eine sehr lange Geschichte im Reich der Mitte zurück. Sie sind im Prinzip eine Art Horoskop, aber auch Persönlichkeitstest, Kompatibilitätsanalyse und diverses anderes in Einem. Ähnlich wie beim westlichen Sternzeichenhoroskop sagt der Zeitpunkt der Geburt hier etwas über die Zukunft und die Charakterzüge einer Person aus.

Unabhängig davon, ob man nun daran glaubt oder nicht, ist das System ziemlich verzwickt, nimmt es doch neben den zwölf Tieren auch Aspekte der Fünf-Elemente-Lehre und der Yin/Yang-Dualität auf und stützt seine Betrachtungen auf Geburtsjahr, -monat, -jahr und sogar -stunde. Daraus ergeben sich sehr, sehr viele Kombinationsmöglichkeiten und zu berücksichtigende Hinweise – die keine halbe Seite in der Fernsehzeitschrift angemessen wiederzugeben vermag.

Tattoos

Zu guter Letzt eines meiner Lieblingsthemen: Tattoos chinesischer Zeichen. Das kann sehr schick und ästhetisch ansprechend aussehen, und die chinesische Schrift hält wirklich ein paar absolute Schmuckstücke parat.

Ein solche Unterfangen kann aber auch arg schief gehen, sowohl bei der Wahl der Zeichen als auch bei der Umsetzung – erst letztens sah ich einen Herrn mit einem Tattoo chinesischer Zeichen, das einfach mal spiegelverkehrt gestochen war. Vielleicht sollte es auch so, vielleicht bin ich hier ja die Banausin. Für die Zeichenwahl hält YouTube ein paar großartige Zusammenstellungen parat, hier mal ein Beispiel:

Ein Wort zum Abschluss

Tja. Where does all of this leave us? Wer bis hier gelesen hat (danke!), hat möglicherweise eigene Gedanken dazu und kann diese gerne teilen. Letztlich mag jeder Mensch derlei anders bewerten. Was diese Zeilen jedenfalls nicht zum Ausdruck bringen wollen, ist, dass Kulturen und Länder nichts mehr voneinander übernehmen sollen oder sich voneinander inspirieren lassen sollen. Vieles wurde in der Vergangenheit dadurch erreicht, dass Menschen voneinander lernten und Errungenschaften voneinander übernahmen. Aber es schadet vielleicht nicht, einmal kurz innezuhalten und sich zu fragen: Stammt Sache XY überhaupt aus (wie in diesen Beispielen) China? Falls ja: Hat es vielleicht irgendwie einen unschönen Beigeschmack, Sache XY zu übernehmen? Was würde es bedeuten, Sache XY zu verändern, eventuell so sehr, dass es mit dem Original fast gar nichts mehr gemein hat? Falls nein: Welchen Vorteil hätte dann überhaupt die Bezeichnung „chinesisch“ für Sache XY?

Also ja – ein bisschen was zum Knobeln an diesem Wochenende (wenn ihr mögt). Habt ihr Ergänzungen? Oder Gedanken dazu?

Eure vielleicht bald wieder an einem Glückskeks knabbernde Charlotte

Cover Image: Bild „Chop Suey“ vom User „Person-with-No Name“ / „JingKe888“ über Flickr. Lizenz: CC-BY-2.0. Übrigens mit grandioser Beschreibung: „New Years Day 2020 _DSF7291-Edit. P.S. They don’t sell Suey there any more. Not for decades.“ Na dann 😀


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