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Ein Besuch im Sichuan House in Hannover

Oder: Chinamelancholie geht durch den Magen

Liebe Leserschaft,

die Feiertage stehen vor der Tür und auch ich habe mich in die Heimat begeben, der Dinge harrend, die da kommen mögen. Weihnachten bedeutet für mich aber neben viel Zeit mit der Verwandtschaft auch das alljährliche Wiedersehen mit meinen Freunden von der allerersten Reise, die ich je nach China unternommen habe – ein vom Konfuzius-Institut gesponsortes Summer Camp in Peking und einigen Städten in der Provinz Shandong 2009. (Wo wären wir nur ohne ein bisschen chinesische Soft Power.)

Seit Jahren treffen wir uns in verschiedenen Städten in Niedersachsen und seit Jahren gehen wir zur Feier des Tages Chinesisch essen. Meistens ist es Buffet mit Schweinefleisch süß-sauer, Tofu mit Soße und gebackener Banane zum Nachtisch, aber dieses Jahr haben wir ein neues Restaurant ausprobiert, das tatsächlich authentische Küche aus Sichuan bieten soll. Und damit ihr, falls ihr Weihnachten ganz dringend aus dem vollen Haus müsst oder ihr Klöße und Rotkohl schon nicht mehr sehen könnt, eine Fluchtoption habt, gibt es hier die erste Restaurantempfehlung auf Unterwegszeilen: das Sichuan House in Hannover (xiangwei xiaochi 乡味小吃).

Die Provinz

Sichuan 四川 zählt zu meinen absoluten Lieblingsprovinzen Chinas. In dieser west-/zentralchinesischen Provinz (je nach Perspektive) gibt es vielseitige Natur, leckere Küche, ein paar ethnische Minderheiten – ein bisschen wie Yunnan eben, nur etwas reicher und von zänkischeren und zugleich auch herzlicheren Menschen bevölkert.

Die sichuanesische Küche ist bekannt für ihre Schärfe, die sie aus Chilischoten gewinnt – sei es als Chiliöl, Chilipaste oder getrockneten Chilis. Hinzukommt der sogenannte Sichuanpfeffer (花椒), dank seiner Beschaffenheit als kleine, unauffällige Kapseln leicht zu übersehen, der an sich nicht scharf ist, aber so ein kribbelndes Gefühl auf der Zunge und im Mund hinterlässt. Auf Chinesisch heißt dieser Geschmack „ma“ 麻, was so viel wie „betäubt“ bedeutet und eigentlich sehr passend ist. Ein Sprichwort besagt, dass zu den größten Ängsten der Sichuanesen gehöre, ihr Essen sei nicht scharf, und wer in Sichuan in einem Restaurant bittet, ein Gericht ohne Chili zu erhalten (warum auch immer man so etwas tun sollte), wird freundlich-bestimmt darauf hingewiesen, dass der Koch schlichtweg nicht wisse, wie man dieses Gericht chilifrei koche.

Das Essen

Seit ein paar Monaten gibt es also auch etwas Sichuan in Hannover, und das galt es auszuprobieren. Und es war wirklich gut! Das Restaurant bietet eine Mittagskarte für den europäisch geprägten Gaumen (die man getrost zur Seite legen kann) und eine „richtige“ Karte mit Klassikern aus den drei Provinzen Sichuan, Hunan und Zhejiang – die Küche letzterer Provinz ist auch nicht sonderlich scharf, weshalb man sich als Einsteiger in die magische Welt authentischer Chinarestaurants da ruhig rantrauen kann. Sichuan und Hunan hingegen konkurrieren um den Preis der schärfsten Küche Chinas, nennen wir es mal: Lokalpatriotismus chinesischer Prägung.

Wir bestellten sieben Klassiker der chinesischen Küche, die uns wirklich alle sehr mundeten:

  • Mapo-Tofu (Tofu mit Hack und Chili) 麻婆豆腐
Mapo-Tofu
  • Fisch mit Chiliöl nach Sichuan-Art 川味水煮鱼 – mächtig, mit viel Chilis, Sichuanpfeffer und außerdem Bambussprossen, sehr lecker!

  • Auberginenstreifen mit Hack 肉末茄条
  • Tofu nach Hausmannsart 家常豆腐
  • Fleischstreifen mit Fischgeschmack 鱼香肉丝 – immer fein, leicht süßlich
  • Gurke mit Knoblauch 拍黄瓜 – eigentlich eher ein nordchinesisches Gericht, aber man schmeckte Chiliöl und Sichuanpfefferöl raus, wirklich fein

  • Kartoffelstreifen mit Paprika 青椒土豆丝

(Bitte seht mir krumme Übersetzungen nach – wer schon mal versucht hat, „Knödel“ auf Englisch zu sagen, versteht meine Lage)

Im Sichuan House gibt es also diverse „typische“ chinesische Gerichte, die in China an jeder Ecke angeboten werden, in Deutschland aber eher schwer anzutreffen sind. Wer Hühnerherzen, Pansen oder Fischkopf mag, wird hier auch fündig. Es stehen auch einige vegetarische Gerichte auf der Speisekarte, allerdings nicht sonderlich viele – wie gesagt, es ist eben ein authentisches Restaurant.

Und da liegt auch der einzige Haken an diesem Restaurant – Fernweh nach China stellt sich hier ganz von selbst ein. Wie schön wäre es, jeden Tag Fisch in Chiliöl essen zu können, irgendwie wusste man das gar nicht so richtig zu schätzen, als man es jeden Tag vor der Nase hatte. Und überhaupt, liebes China, es ist nicht immer ein leichtes Verhältnis zwischen uns, aber sobald du auftischst, liege ich dir zu Füßen. Man möchte eigentlich gleich mal nach Flugtickets googlen, so rein routinemäßig.

Das Restaurant

Doch genug der Chinamelancholie und zurück zum Hannoverschen Sichuan House. Das Ambiente des Restaurants ist irgendwie auch chinesisch – den hierzulande so beliebten Dimmer wird man am chinesischen Lichtschalter vergebens suchen. Es läuft ein bisschen Musik und man hört um sich herum viel Chinesisch von den anderen Gästen und der Bedienung.

kleines Selfie nach vollendetem Werk

Das Sichuan House ist sauber, allerdings nicht behindertengerecht. Das Personal ist sehr höflich und der Koch offenbar schnell – vielleicht ein ungeduldiger Sichuanese. Wir haben pro Person inklusive Getränke 14 € plus Trinkgeld bezahlt, ein wirklich guter Preis für so leckeres Essen.

Wer dem Sichuan House einen Besuch abstatten möchte: Es liegt in Hannover am Steintor, in der Nordmann-Passage. Nichts wie hin, würde ich mal sagen.

Guten Appetit!

Eure China vermissende Charlotte

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